(Warnung: für Leute mit schwachem Gemüt ist diese Geschichte nicht geeignet!)
Als die Bomben fielen, war es den Menschen plötzlich egal, wer mit dem Krieg begonnen hatte und wer die Schuld an allem trug. Denn nun stand das Ende bevor. Der Tag des jüngsten Gerichts war gekommen. Es konnte sich jetzt nur noch um Minuten handeln.
Ich verfolge den Flug des atomaren Marschflugkörpers mit scharf geschaltetem Sprengkopf von meinem Balkon aus. Mit feurigem Schweif gleitet das Tot bringende Geschoss zielsicher, hoch am strahlend blauen Himmel, über meinen Kopf hinweg in Richtung Horizont. Im Angesicht des Todes bin ich gelassen. Tief im inneren wusste ich, dass es eines Tages so weit kommen wird. Wir wussten es alle.
Einige, so wie ich, stehen auf der Strasse oder den Dächern der benachbarten Häuser. Wir sehen dem Tod offen ins Gesicht. Andere wiederum haben sich in der Hoffnung verschanzt, irgendwie ihrem bereits besiegelten Schicksal entgehen zu können. Dazu haben sie sich während einer allgemeinen Massenpanik in tiefe Gewölbekeller öffentlicher Einrichtungen geflüchtet – dem städtischen Museum, dem Rathaus, dem Krankenhaus. Diejenigen, die keinen Platz mehr in einer dieser Refugien fanden, kratzten sich entweder die Fingernägel an den Türen der bereits überfüllten Gebäude blutig und flehten dem Wahnsinn nahe um Einlass, andere entschieden sich dafür, die Stadt schnellstmöglich zu verlassen, um im Schutze der Natur – in Wäldern und Höhlen – eine vermeintliche Zuflucht zu finden.
Ich fragte mich, wie sie sich das vorstellten. Sollten sie die direkten Folgen des Einschlags der Atombombe überleben, werden sie den tödlichen radioaktiven Strahlen hilflos ausgesetzt sein. Je nach Grad der Verstrahlung wird der Einzelne dann kurz oder längerfristig mehr oder weniger qualvoll krepieren. Ich selbst habe mich, wie einige andere auch, dafür entschieden, es gleich hinter mich zu bringen. Und so warte ich nun auf den nahen Tod …
Die Rakete verschwindet hinter dem Horizont. Stille. Dann – ein Lichtblitz, so hell wie tausend Sonnen, lässt das Firmament aufleuchten. Ich gehe zu Boden. Meine Augen schmerzen. Vollkommene Dunkelheit. Ich bin blind. Mit meinen Händen taste ich mich am Geländer des Balkons nach oben um wieder auf die Beine zu kommen. Meine Augenhöhlen brennen. Habe ich überhaupt noch Augen? Ich fühle wie etwas mein Gesicht herunter rinnt. Blut? Die Flüssigkeit meiner Augäpfel? Irrelevant! Es wird sowieso bald vorbei sein.
Die Erde unter meinen Füssen vibriert. Ich höre schreie. Schreie von Menschen in Todesangst. Die Erschütterungen werden immer stärker. Ich fühle einen zunehmenden Druck auf meiner Brust. Ein tiefes, bestialisches Grollen kündigt die nahende Katastrophe an. Mit einem Mal werde ich wie eine Puppe von den Füssen gefegt und gegen die Hauswand geschleudert. Von dort pralle ich ab und schmettere auf den Boden. Mein Hinterkopf blutet, mein rechter Arm schmerzt. Überall dieser ohrenbetäubende Lärm. Die Welt um mich herum scheint auseinander zu brechen.
Luft wird aus meiner Lunge heraus gepresst. Kein Atemzug ist mir mehr möglich. Mein Körper fühlt sich an, als würde er, wie eine Coladose von einem LKW, zerquetscht werden. Meine Lungen platzen. Ich erbreche Blut vermischt mit etwas unidentifizierbarem. Eine unglaubliche Hitze erfasst mich, doch ich bin weder im Stande zu schreien noch sonst irgendeinen Laut auszustoßen. Im Todeskampf fühle ich noch, wie sich die oberen Schichten meiner Haut ablösen, als würde man mit einem Hobel über ein Stück Holz fahren und dabei den Druck auf das Werkzeug beständig steigern. Mein Körper brennt. Meine Haare sind versengt. Meine Ohren werden weggerissen. Die Hitze schneidet mir immer weiter ins offen liegende Fleisch, in meine Knochen, in meinen Kopf. Wie ein Wurm windet sich der Rest meines bereits zum größten Teil verbrannten und versengten Körpers am Boden. Ich bin nun nicht mehr als ein Stück Fleisch, nicht einmal als die Karikatur eines Menschen zu bezeichnen.
Die Hitze nimmt immer weiter zu und ein letztes Mal breitet sich für den Bruchteil einer Sekunde so etwas wie ein Überlebenswillen in meiner geschundenen, fleischlichen Hülle auf – dann werde ich von der Hauptdruckwelle der Atomexplosion erfasst, die meinen Körper wie ein Blatt Papier in Stücke reißt. Ich spüre noch wie mir die Glieder von meinem Torso getrennt werden, bevor ich schließlich regelrecht pulverisiert werde.
Dann umfängt mich die unendliche Dunkelheit und Stille des Todes. Meine Seele ist frei. Alle Qualen sind vergessen. Körperlos gleite ich hinüber in eine andere Welt und in eine andere Art der Existenz. Dies war nicht das Ende. Es war der Anfang. Ich nehme ein helles Licht wahr und bewege mich darauf zu. Ich spüre, dass ich nicht alleine bin …
Die Geschichte stellt das Worst-Case Szenario dar, wie ich mir den Untergang der modernen Zivilisation und der Menschheit vorstelle. Den Schrecken und die Qualen eines atomaren Bombardements, die es für den Einzelnen bis zum Tod zu erleiden gilt, stehen bei meiner Geschichte im Vordergrund und werden bewusst übertrieben dargestellt. Inspiriert wurde ich für diese Geschichte durch diverse Endzeit-Filme wie „End of Days“, „Armageddon“, „Deep Impact“ und dem Katastrophen Film „Tornado“, der vor kurzem auf Pro7 ausgestrahlt wurde. Es wurde mir in Erinnerung gerufen, wie hilflos und schwach wir Menschen doch gegen solch übermächtige Dinge wie die Natur sind. Als ob dies jedoch nicht schon schlimm genug wäre, erschaffen wir selbst noch Waffen, die eine komplette Zivilisation ohne weiteres ausrotten können. Deshalb ist in meiner Geschichte keine Naturgewalt, sondern der Mensch selbst, Ursache für die Vernichtung der eigenen Spezies.
Das offene Ende soll zum Nachdenken darüber anregen, ob denn unser irdisches Leben wirklich schon alles ist. Ich persönlich bin davon überzeugt, dass dieses Leben nur der Teil eines Ganzen ist. Beweise dafür gibt es nicht. Aber Hinweise und unerklärliche Phänomene gibt es zuhauf. Daher spricht man bei jeder Religion auch vom „Glauben“. Entweder man glaubt, oder man glaubt nicht. Jeder entscheidet für sich …