Finsternis umschlingt meine Seele wie die Dunkelheit der Nacht, die sich mit erdrückendem Schwarz über meine Heimatstadt legt. Ich stehe alleine auf dem Balkon meiner Wohnung und blicke in die Ferne. Alle Lichter im Haus sind gelöscht. Die Straßenlampen schalten sich automatisch ein und versuchen mit ihrem Licht gegen die Übermacht des Dunkeln anzukommen – vergeblich. Es herrscht absolute Stille. Keine Autos sind zu sehen. Keine Menschen sind unterwegs. Das leise Surren der Grillen schwebt wie hypnotischer Mönchsgesang durch die nächtliche Finsternis. Ein bedrohlich wirkender Mond steht hoch am Nachthimmel und blickt auf die kalte Erde herab. Seine Brüder und Schwestern, die Sterne und Himmelskörper, funkeln mystisch aus den Tiefen des Weltalls.
Ich lasse mich von den Eindrücken einlullen. Ich höre mein Herz pochen. Ich spüre jeden Atemzug. Ein Frösteln. Gänsehaut. Ein Schatten huscht über die Strasse – doch nichts ist zu sehen. Meine Augen spielen mir einen Streich. Die Realität verschwimmt in der Dunkelheit. Trotzdem sind meine Sinne geschärft. Ich spüre die Kälte der Nacht auf meiner Haut. Ich inhaliere Sie. Ich lasse mich fallen. Ich gebe mich ihr hin. Jetzt bin ich mit ihr verschmolzen. Wir sind eine Einheit. Geborgenheit und Überwältigung ob der Macht dieser Präsenz breitet sich wohlig in meinem Körper, in meinen Gliedmaßen aus. Mir wird bewusst, dass wir alle ein Teil eines Ganzen sind. Ich, alle Menschen auf der Erde, jeder Partikel aus den geheimsten Winkeln des Universums – wir sind eins.
Ich taumle. Wie benommen lasse ich mich auf den neben mir stehenden Liegestuhl sinken. Gefühlstrunken strecke ich mich aus und blicke, auf dem Rücken liegend, in den Nachthimmel. Ich fühle wie die Erde pulsiert. Ich spüre die Verbundenheit zwischen mir, jedem Lebewesen und jeder anderen Form des Seins. Meine sensibilisierten Sinne scheinen all diese neuen Eindrücke regelrecht zu absorbieren. Mit meinen Augen sehe ich Details, die mir zuvor nie aufgefallen sind. Neben und hinter den gut sichtbaren Sternen nehme ich erstmals kleinere, weitaus schwächer leuchtende Himmelskörper wahr. Einige davon bewegen sich langsam in eine Richtung oder verschwinden abrupt aus meinem Sichtfeld, sobald ich sie genauer zu erfassen versuche. Wir sind nicht allein. Oder handelt es sich nur um eine Überreizung meiner Sehnerven?
Ich lasse alles Geschehen, wehre mich nicht, kämpfe nicht gegen den offensichtlichen Overkill an unbeschreiblichen Emotionen und Eindrücken an. Mein Verstand, sofern dieser überhaupt noch einen Einfluss auf meinen Körper hat, pendelt zwischen Überwältigung, purer Hilflosigkeit angesichts der Informationsflut und angenehm befreiend wirkendem Wahnsinn. Mein Herz pocht. Mein Atem geht schwer. Meine Gliedmaßen wiegen Tonnen. Etwas ergreift Besitz von mir. Ich schließe die Augen. Von meinem Körperzentrum, leicht unterhalb des Bauchnabels her, breitet sich eine wohlige Wärme in Verbindung mit einem angenehmen kribbeln aus. Energie in ihrer ursprünglichsten Form durchflutet jeden Winkel, jedes Atom in mir. Sie scheint selbst das zu durchdringen, was wir Menschen so salopp als „Seele“ bezeichnen. Ich gebe auf. Mein Innerstes kapituliert. Ein letzter Aufschrei meines Unterbewusstseins geht im Chaos des unbegreiflichen Zustands meiner selbst verloren.
Und dann … Stille. Finsternis. Benommenheit. Unendlichkeit. Ich gleite sanft hinüber in eine andere Welt. Eine andere Dimension. Ein anderes Sein. Hier ist nichts von dem von Bedeutung, was einst war, nichts von dem was jetzt ist und nichts von dem was je sein wird. Ein Ort abseits der mit menschlichen Sinnesorganen greifbaren Realität. Gefühle sind hier nicht existent. Ich bin taub, stumm und blind – trotzdem nehme ich alles mit einer Intensität wahr, wie es kein menschliches oder tierisches Wesen auch nur annähernd könnte. Ich bin verloren, gefangen und frei zur gleichen Zeit. Keine störenden Gedanken belasten mich mehr. Kein Gefühl der Unsicherheit oder Zweifel nagen an meiner Seele. Ich fühle nichts. Körperlos gleite ich in der Substanz des Unfassbaren dahin. Und langsam aber sicher vergesse ich, wer oder was ich in meinem früheren Leben war. Dies ist der Ursprung. Dies ist mein Zuhause. Unser aller Zuhause …
Vögel zwitschern. Der Motor eines Autos wird angelassen. Kälte. Ich öffne meine Augen und blicke in das frühe Morgengrau des Himmels. Ein kribbeln in meinem Körper lässt eine schwache Erinnerung an etwas Geschehenes aufblühen – aber ich kann sie nicht greifen. Sie entzieht sich mir immer weiter, umso mehr ich versuche sie mir ins Gedächtnis zurück zu rufen. Ich gebe auf. Langsam erhebe ich mich aus dem Liegestuhl und blicke in die Ferne: am Horizont ist bereits das Licht des anbrechenden Tages zu sehen. Mich fröstelt. Doch ich fühle mich erstaunlich fit und ausgeruht. Ein neuer Tag wartet auf mich. Neue Herausforderungen stehen mir bevor. Die Erde hat mich wieder. Ich bin zurück.
Diese Kurzgeschichte widme ich allen Denkern, allen Leuten die sich nicht in ein Schema pressen lassen wollen und allen Menschen, die sich gerne ihre eigenen Gedanken über ein Thema machen. Das Leben ist mehr als wir mit unseren Augen sehen, mit unseren Ohren hören und mit unserem Körper fühlen können – davon bin ich überzeugt!